Sie fragen sich, was macht eine Demenztrainerin eigentlich genau? Wie sieht ein solches Training aus? Ich möchte Ihnen dazu eine kleine Geschichte erzählen.

 

Es ist Dienstag, das ist immer derselbe Tag, an welchem ich zu Herrn F. komme, um mit ihm zu trainieren. Herr F. ist 81 Jahre alt und leidet seit fast 4 Jahren an Demenz. Seine Mobilität ist bereits stark eingeschränkt. Er lebt mit seiner Gattin gemeinsam in einem schönen Einfamilienhaus am Land, welche sich rührend und aufopfernd um die Versorgung und Pflege ihres Mannes kümmert. Sie ist ein überaus liebenswerter und positiver Mensch und steht mit ihren 75 Jahren mitten im Leben. Durch die Erkrankung ihres Mannes ist jedoch ihr Leben ein völlig anderes geworden. Gemeinsame Träume und Pläne konnten nicht mehr verwirklicht werden.

Ich komme in die Küche und Herr F. erwartet mich schon mit einem Lächeln und einem „Guten Morgen“. Er freut sich sichtbar über mein Kommen. Das war nicht immer so. Anfangs war er mir und dem „was wir gemeinsam trainieren“ gegenüber sehr zurückhaltend und unsicher, aber bereits nach dem zweiten   Training wurde er immer aktiver und motivierter.

An diesem Tag habe ich das Training auf das Thema „Wandern“ vorbereitet. Ich hole meinen grünen Wanderrucksack hervor und gleich kommen Herr F. und ich ins Gespräch. Er erinnert sich und erzählt mir von seinen Wanderungen mit der Familie und dass er sowieso immer am liebsten in den Bergen Urlaub gemacht hat. Herr F. spricht gerne von der Vergangenheit, die gibt ihm Sicherheit. Dann beginnen wir mit den abwechslungsreichen Gedächtnistrainingsübungen, die ich entsprechend den Fähigkeiten und Bedürfnissen des Herrn F. vorbereitet  habe. Ich achte besonders darauf, ihn weder zu überfordern noch zu unterfordern. Als Trainingsmaterial benützen wir Bild-, Wort- und Buchstabenkarten sowie von mir vorbereitete Arbeitsblätter. Durch das Gedächtnistraining wird die Konzentration, die Merkfähigkeit sowie die Wortfindung und das Wortverständnis des Herrn F. trainiert. Das Gehirn wird aktiv angeregt. Dies nützt Herrn F., sich in Alltagssituationen besser zu Recht zu finden und gibt ihm Sicherheit. Ich biete ihm nur so viel Hilfe an, die er wirklich benötigt und gebe ihm dafür genügend Zeit. Manchmal helfen ihm Schlüsselwörter als Unterstützung, damit er die Lösungen selbständig finden und sich darüber freuen kann. Diese Erfolgserlebnisse stärken seinen Selbstwert und erzeugen in ihm ein gutes Gefühl. Herr F. wird von mir angemessen gelobt, wertgeschätzt und fühlt er sich während des Trainings sichtlich wohl.

Als ich dann den Wanderrucksack öffne, wird Herr F. neugierig. Ich lasse ihn die mitgebrachte Wanderjause auspacken, dabei werden seine Augen immer größer. Gemeinsam verkosten wir das mitgebrachte Selchwürstel, den Bergkäse, das Bauernbrot und den gesunden Apfel. Herr F. versucht dabei selbständig Stücke vom Würstel, vom Käse und Apfel abzuschneiden, was für ihn eine Herausforderung wird – aber er schafft es und ist dabei sichtlich zufrieden. Durch die gemeinsame Wanderjause werden nicht nur seine Sinne angeregt und die Hirnaktivität gefördert, das selbständige Schneiden der mitgebrachten Lebensmittel ist für seinen Alltag sehr wichtig, er möchte ja nicht ständig auf Hilfe angewiesen sein.

Nach der Jause wird noch ein von mir selbst gebasteltes Puzzle mit dem Motiv eines Edelweiß hervorgeholt, welches Herr F. mit Freude versucht zusammen zu fügen. Er erzählt mir dabei, dass er früher auch immer gerne Puzzles   zusammengebaut hat und er bereits ein echtes Edelweiß gesehen habe. Inzwischen schaue ich auf meine Armbanduhr und sehe leider, dass die 90 Minuten schon fast wieder vorüber sind.

Zum Abschluss singen wir immer gemeinsam ein Lied. Diese Regelmäßigkeit hilft Herrn F. sich zeitlich zu orientieren, nun weiß er, dass das Training zu Ende geht. Zum Lied bewegen wir im Sitzen auch unsere Hände und Füße.  Ich zeige die Bewegungen langsam vor und Herr F. versucht diese so gut es geht nachzumachen. Auch die Gattin des Herrn F. macht inzwischen mit.

Sie bedankt sich zum Abschied bei mir und erzählt, dass sie während des Trainings endlich wieder Zeit für sich hatte und im Garten unbeschwert ihre Lieblingsblumen setzen konnte. Sie teilt mir auch mit, dass ihr Mann seit den regelmäßigen Trainings viel ausgeglichener sei und sich dadurch ihr gemeinsamer Alltag positiv verändert und verbessert habe.

„Vielleicht können wir es ja gemeinsam schaffen, dass mein Mann so lange wie möglich zu Hause leben und von mir versorgt werden kann,“ waren ihre Schlussworte.

Herr F. streckt mir die Hand entgegen, lächelt mich an und berührt dabei mein Herz.